Am 25. August waren wir als studentische Vertretung auf Einladung von Gerald Eisenblätter von der SPD zu einer Anhörung als Expertinnen eingeladen. Die Grundlage für die Anhörung bildete der Antrag „Ärztemangel begegnen – Bedarf an Studienplätzen ermitteln und decken“ der AfD-Fraktion.
Als Sachverständige der anderen Fraktionen waren Herr Prof. Ingo Bechmann (Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig), Frau Dr. Jana Gärtner (Vorstandsmitglied der Sächsischen Landesärztekammer), Herr Rainer Striebel (Vorstandsvorsitzender der AOK PLUS) und Herr Dr. Holger Weißig (Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen) und Pascal Lemmer für die bvmd eingeladen.
Stellvertretend für uns ist Ella nach Dresden gereist und hat ein vorher gemeinsam erarbeitetes Statement mit unseren Positionen zu dem Thema vorgetragen, sowie sich den Fragen der Ausschussmitglieder gestellt. Dieses Statement und damit unsere Positionen wollen wir hier einmal öffentlich machen:
Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Abgeordnete, meine Damen und Herren,
mein Name ist Ella Säger und ich spreche heute auf Einladung der SPD, als Sprecherin der Studierendenvertretung der Medizin und Hebammenkunde in Leipzig.
Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal herzlich für die Einladung bedanken und freue mich über die Möglichkeit, Ihnen die Perspektive der Studierenden zu erläutern und näherzubringen.
Zu Beginn möchte ich klarstellen, dass die hier diskutierten Vorschläge, eine Erhöhung der Studienplatzzahl und eine Ausweitung der Landarztquote in Sachsen, aus Sicht von uns Medizinstudierenden nicht die richtige Antwort auf den beschriebenen Ärzt*innenmangel und vor allem dem Ärzt*innenmangel auf dem Land sind.
Die Gewährleistung der Versorgung gerade im ländlichen Bereich ist eine große Herausforderung in der heutigen Zeit. Patientinnen und Patienten müssen lange auf einen Termin warten oder bekommen erst gar keinen Platz in einer nahegelegenen Hausarzt- oder Facharztpraxis. Kurzum, es besteht dringend Handlungsbedarf.
Aber die vorgeschlagenen Veränderungen greifen zu kurz und beheben das ursächliche Problem nicht.
Die eigentliche Herausforderung liegt nicht allein darin, wie viele junge Menschen ein Medizinstudium beginnen, sondern darin, wie viele es unter guten Bedingungen abschließen, in die ärztliche Versorgung gehen und dort auch langfristig bleiben.
Studienplätze um jeden Preis zu erhöhen, ohne dabei Qualität, Betreuung und Praxisnähe mitzudenken, bedeutet letztlich:
Wir bilden mehr Studierende aus, riskieren aber schlechtere Studienbedingungen und eine höhere Abbruch- oder Misserfolgsquote.
Wenn wir also wirklich eine nachhaltige Versorgung sichern wollen, müssen wir tiefer ansetzen: bei Studienbedingungen, bei der Qualität der Ausbildung und bei den Anreizen für eine langfristige Tätigkeit im Beruf und in ländlichen Regionen.
Eine bloße Erhöhung der Studienplatzzahlen klingt auf den ersten Blick plausibel – in der Realität aber birgt sie erhebliche Risiken und Gefahren für die Qualität der Ausbildung.
Denn schon jetzt stoßen wir bei Räumen und Infrastruktur an Grenzen.
Seminarräume, Praktikums-Labore, Hörsäle – vieles ist auf die aktuelle Zahl von Studierenden ausgelegt. Eine deutliche Aufstockung würde zu überfüllten Veranstaltungen führen oder schlicht organisatorisch nicht umsetzbar sein. Vor einer derartigen Aufstockung der Studienplätze müssten also primär entsprechende Baumaßnahmen vollzogen oder andere Lösungen gefunden werden.
Außerdem fehlt es bereits heute an ausreichend qualifiziertem Lehrpersonal.
Nicht jede Ärztin und nicht jeder Arzt ist automatisch für die Lehre geeignet. Gute medizinische Ausbildung braucht Zeit, pädagogische Kompetenz und engagierte Dozierende. Spätestens seit der Schließung des Medizindidaktischen Zentrums am Campus in Leipzig findet schon jetzt zu wenig Ausbildung der Ausbildenden statt.
Eine Verbesserung dieser Situation sollte also vorrangig das Ziel sein.
Hinzu kommt, dass ab dem klinischen Abschnitt des Studiums die Ausbildung stark praxisorientiert und in Kleingruppen organisiert ist.
Hier geht es um direkte Arbeit mit und an Patientinnen und Patienten. Dieser Unterricht am Krankenbett ist nicht nur für die fachliche Kompetenz, sondern auch für den respektvollen Umgang mit Patientinnen und Patienten zentral. Wenn zehn Studierende im Krankenzimmer stehen, leidet die Qualität der Lehre genauso wie das Vertrauen der Patientinnen und Patienten.
Mehr Studierende bedeuten außerdem zwangsläufig mehr Kleingruppen – ein riesiger logistischer Aufwand, der schon jetzt auch für die Verwaltung schwer stemmbar ist.
Und auch im Praktischen Jahr braucht es ausreichend Plätze in Lehrkrankenhäusern. Schon heute bewegen wir uns in Leipzig bei rund 180-190 Studierenden, die jedes halbe Jahr in ihr Praktisches Jahr starten. Mit der letzten beschlossenen Studienplatz-Aufstockung steigt die Zahl der Absolventinnen und Absolventen ohnehin in den nächsten Jahren – zusätzliche Erhöhungen könnten hier zu Engpässe führen.
Die Leipziger Medizin gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten in Deutschland – im Vergleich zu den anderen Standorten landet Leipzig regelmäßig unter den Top 10 im Ersten Staatsexamen. Dieses Qualitätsniveau ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer intensiven, individuellen und gut betreuten Ausbildung. Wenn wir die Quantität zulasten der Qualität steigern, gefährden wir genau das.
Darum gilt für uns: Qualität vor Quantität. Nur so können wir eine Ausbildung gewährleisten, die nicht nur möglichst viele Studierende aufnimmt, sondern auch sicherstellt, dass diese am Ende zu kompetenten und motivierten Ärztinnen und Ärzten werden.
Ähnlich wie die bloße Erhöhung der Studienplätze greift auch die Landarztquote zu kurz. Sie wird häufig als einzige Lösung gegen die Unterversorgung im ländlichen Raum präsentiert. Doch bei näherer Betrachtung ist sie weder fair noch effektiv – und sie lenkt vom eigentlichen Problem ab.
- Das Grundproblem ist struktureller Natur.
Auf dem Land fehlt es nicht nur an Ärztinnen und Ärzten, sondern auch vielen anderen Bereichen. Wer sich dort niederlassen soll, braucht mehr als nur eine Praxis:
Es braucht verlässliche Infrastruktur, berufliche Perspektiven auch für Partnerinnen und Partner, sowie wohnortnahe Schulen für die Kinder.
Ohne eine Verbesserung dieser Rahmenbedingungen wird die bloße Quote keine nachhaltige Bindung an den ländlichen Raum schaffen.
- Die Quote verzerrt das Zulassungsverfahren und führt nicht zu einem echten Zuwachs an Landärzt*innen.
Bewerberinnen und Bewerber, die ohnehin Landärztin oder -arzt werden wollten und ohne Quote einen Platz erhalten hätten, zählen nicht als Gewinn – sie hätten diesen Weg ohnehin eingeschlagen.
Eine weitere Gruppe nutzt die Quote lediglich als Eintrittskarte ins Studium. Wer reich ist, kann sich am Ende von den Verpflichtungen freikaufen; wem diese Mittel fehlen, der bleibt gebunden. Damit fördert die Quote soziale Selektion.
- Die Quote schwächt auch die Fachrichtungen selbst.
Wenn Ärztinnen und Ärzte einer Fachrichtung per Quote zugewiesen werden, entfällt der Anreiz, Weiterbildung und Arbeitsbedingungen attraktiv zu gestalten. Die Folge: motivierter Nachwuchs wird abgeschreckt. Dies wirkt sich negativ auf die Qualität der Versorgung aus und schadet langfristig dem Berufsbild.
Aus insbesondere diesem Grund halten wir die Ausweitung der Quotenregelung auf weitere Fachbereiche wie die Kinderheilkunde oder den öffentlichen Gesundheitsdienst für keinen sinnvollen Weg.
Meine Damen und Herren, die Landarztquote erzeugt soziale Ungerechtigkeit, schwächt die Qualität der medizinischen Ausbildung und löst nicht die strukturellen Probleme, die den Ärztemangel in ländlichen Regionen verursachen. Wir brauchen keine Zwangsmaßnahmen, sondern bessere Rahmenbedingungen, die den ärztlichen Beruf im ländlichen Raum wirklich attraktiv machen.
Wenn wir die Landarztquote ablehnen, dann nicht, weil uns die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum egal wäre – im Gegenteil: Uns liegt viel daran, dass die Menschen in allen Regionen Sachsens gut versorgt werden. Doch wir sind überzeugt: Es gibt wirksamere und gerechtere Wege als starre Quoten.
- Attraktivität des Praktischen Jahres steigern.
Das Praktische Jahr (PJ) spielt für viele Studierende eine entscheidende Rolle. Hier entscheidet sich oft, ob der Weg in eine Klinik oder in eine Praxis – und vielleicht auch in den ländlichen Raum – führt. Daher fordern wir: - eine Überarbeitung der Krankheits- und Fehltags-Regelungen,
- sowie einen Mindestabstand von vier Wochen zwischen dem Ende des PJs und dem Dritten Staatsexamen, um eine ausreichende Prüfungsvorbereitung zu gewährleisten,
- eine landesweit einheitliche und angemessene Aufwandsentschädigung in Höhe des Bafög-Höchstsatzes,
- einen Sonderzuschlag für PJ-Studierende in ländlichen Regionen, wie zuletzt im Koalitionsvertrag von CDU und SPD in Sachsen erwähnt. Damit könnte mit letztlich weniger Mitteln genau bei den Studierenden angesetzt werden, die kurz vor der Entscheidung stehen, wo sie später einmal arbeiten wollen und nicht bei jungen Menschen, die in der Landarztquote womöglich ihre einzige Chance auf einen Studienplatz sehen.
Es erschließt sich uns nicht, warum mit der Landarztquote bei Studienanfänger*innen mit häufig 17 oder 18 Jahren angesetzt wird und nicht bei Studierenden, die sich am Ende ihrer Ausbildung befinden, die bereits viel konkretere Vorstellungen und Pläne für ihre Karriere, ihre Familienplanung und ihr weiteres Leben haben. - Anreize für Nachwuchs im ländlichen Raum setzen – aber am Ende des Studiums, nicht am Anfang.
Es ist sinnvoller, Anreize dort zu schaffen, wo Entscheidungen tatsächlich fallen: beim Berufseinstieg.
Stipendienprogramme, Weiterbildungsverbünde, Netzwerke und gezielte Unterstützung für junge Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung sind Wege, die bei einer selektierten Zielgruppe ansetzen und zeitgleich mit womöglich höherer Effektivität Ressourcen einsparen könnten. - Strukturen verbessern, nicht nur Zahlen erhöhen.
Was es braucht, sind attraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie moderne Infrastruktur. Wenn wir wollen, dass mehr Ärztinnen und Ärzte langfristig im ländlichen Raum bleiben, dann müssen diese Faktoren stimmen. Quoten oder Platzerhöhungen ändern an diesen Bedingungen gar nichts – im Gegenteil, sie verschieben lediglich die Verantwortung. - Evaluation statt blinder Ausweitung.
In Sachsen hat bislang noch kein einziger Jahrgang der Landarztquote das Studium abgeschlossen. Es gibt keinerlei belastbare Daten, ob die Quote wirklich funktioniert. Bevor man sie ausweitet, müssen ihre Effizienz und ihr Erfolg wissenschaftlich evaluiert werden. Alles andere wäre in unseren Augen unseriös.
Lassen Sie mich zum Abschluss die wichtigsten Punkte noch einmal zusammenfassen:
- Wir haben kein reines Mengenproblem, sondern vor allem ein Verteilungs- und Effizienzproblem im Gesundheitssystem.
- Eine Erhöhung der Studienplätze ohne begleitende Qualitätssicherung gefährdet die Ausbildung und damit die Versorgung.
- Die Landarztquote ist keine Lösung – sie schafft soziale Ungerechtigkeit, schwächt die Qualität der Ausbildung und bindet niemanden nachhaltig an den ländlichen Raum.
- Stattdessen brauchen wir faire Studienbedingungen, attraktive Anreize am Ende des Studiums und vor allem eine Stärkung der Infrastruktur und Lebensqualität im ländlichen Raum.
Wenn wir Ärztinnen und Ärzte gewinnen wollen, dann nicht durch Zwang oder Zahlentricks, sondern durch Überzeugung, Qualität und attraktive Rahmenbedingungen. Nur so werden wir erreichen, dass junge Menschen sich gerne, dauerhaft und mit voller Motivation für die medizinische Versorgung im ländlichen Raum entscheiden.