Stellungnahme zur „Landarztquote“ in Sachsen

Berlin, Dresden, Leipzig, den 8. Mai 2019

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd),
der Fachschaftsrat Medizin und Zahnmedizin Dresden und
der Fachschaftsrat Humanmedizin Leipzig (StuRaMed)

sprechen sich gegen die Einführung einer Landärzt*innenquote in Sachsen aus und möchten dazu folgende Punkte anführen:

  • Wir stellen fest, dass in Deutschland kein absoluter, sondern ein relativer Ärzt*innenmangel vorliegt. Vor allem mangelnde Anerkennung, unattraktive Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie fehlende strukturelle Anreize sind vorherrschende Ursachen für den Landärzt*innenmangel. Hier liegen in unseren Augen jedoch deutlich progressivere Lösungsvorschläge vor, um die Attraktivität des Berufsbildes zu stärken.
  • Wir sehen die Gefahr, dass eine Quote der notwendigen Motivation, den Beruf aus eigenem Interesse zu ergreifen, entgegensteht, was sich negativ auf die Qualität der Versorgung auswirken könnte. Wir benötigen motivierte und engagierte Ärzt*innen auf dem Land, die nicht nur ihre „Quotenjahre absitzen“. Einer sinkenden Versorgungsqualität durch mangelnde Motivation muss von Anfang an entgegengewirkt werden.
  • Wir befürchten eine, durch diese Vorabquote implizierte, Stigmatisierung des Landärztinnenberufes. Landärztinnen dürfen nicht als Mediziner*innen zweiter Klasse gesehen werden. Diese Entwicklung wäre höchst fatal, denn ihre Arbeit und damit Sicherung der ambulanten Versorgung auf dem Land ist essentiell.
  • Wir sehen die Landärzt*innenquote als einen unverhältnismäßigen Eingriff in die freie Berufswahl. Abiturient*innen sollen sich bereits vor Studienbeginn für einen späteren Lebensort und Fachbereich entscheiden – ganz unabhängig davon, wie ihre persönliche Entwicklung während des Studiums verlaufen wird. Dies lehnen wir entschieden ab.
  • Bei der medienwirksam geführten Diskussion zur Einführung einer Landärzt*innenquote darf das Risiko des „erkauften Studienplatzes“ nicht außer Acht gelassen werden. Gutsituierte Studierende könnten sich nach Erhalt des Studienplatzes durch Konventionalstrafen von ihren an die Quote gebundenen Verpflichtungen befreien. Aus diesem Grund entspricht die Quote nicht den Grundsätzen der sozialen Gleichstellung. Diese Chancenungleichheit empfinden wir als ungerecht. Zudem ist unklar, ob die Verpflichtung gesetzeskonform ist und wie die juristische Umsetzung verlaufen könnte.
  • Eine Landärzt*innenquote würde erst in 10-20 Jahren Auswirkungen zeigen. Wir brauchen jedoch bereits jetzt wirkungsvolle Maßnahmen, die dazu führen, dass die ländliche Versorgung dauerhaft sichergestellt wird.
  • Wirksame Gegenmaßnahmen können beispielsweise eine Reformierung der Lehre, die Schaffung neuer Karriere- und Entwicklungschancen und die breitere Vernetzung mit anderen Gesundheitsberufen sowie eine stärkere Profilierung der Allgemeinmedizin hin zu Prävention und longitudinalem Gesundheitsmanagement sein. Neue Anreize sollten auch über qualitativ hochwertigere Aus- und Weiterbildungen geschaffen werden. Finanzielle Anreize sind nur kurzfristige, jedoch keine nachhaltigen Maßnahmen. Langfristige Veränderungen können aus unserer Sicht nur durch Qualitätsverbesserungen geschaffen werden. Wir möchten auch auf das Berufsmonitoring 20181 verweisen. Hier zeigt sich, dass die Tätigkeit in der hausärztlichen Versorgung seit 2010 kontinuierlich an Attraktivität zugenommen hat. Maßnahmen zur Förderung der Sichtbarkeit der ländlichen Versorgung im Studium haben also vermutlich mehr Effekt als wenige Studienplätze pro Jahr.
  • Wir fordern den offenen Diskurs mit den beteiligten Parteien, insbesondere mit Landärzt*innen und Studierenden.

Grundsätzlich begrüßt die sächsische Medizinstudierendenschaft den intensiven Diskurs über die medizinische Versorgungslage in ländlichen Regionen. Jedoch löst eine Vorabquote langfristig den Versorgungsnotstand auf dem Land nicht. Die Landärzt*innenquote ist in unseren Augen der Versuch, bestehende strukturelle Probleme zu ignorieren und mit unverhältnismäßigen Quotenregelungen am eigentlichen Kern des Problems vorbei Politik zu machen. Wir stellen uns weiterhin gegen eine Landärzt*innenquote und setzen uns für eine gerechte Zulassung zum Medizinstudium ein. Zudem fordern wir wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung des Landärzt*innenmangels.

1 durchgeführt von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, dem Medizinischen Fakultätentag und der Universität Trier.
Die Ergebnispräsentation zur Befragung der Medizinstudierenden 2018 finden Sie online unter www.kbv.de/html/5724.php. Anbei auch ausgewählte grafische Darstellungen einzelner Ergebnisse.


Positionspapiere der bvmd

Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an Margarethe Grupp (Fachschaftsrat Humanmedizin Leipzig) per E-Mail unter margarethe.grupp@sturamed-leipzig.de

Stellungnahme als PDF zum Download


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